An den beiden hessischen Universitätskliniken kämpften Pflegende und andere Beschäftigte erfolgreich für spürbare Entlastung. Am Universitätsklinikum Gießen-Marburg UKGM haben die Mitglieder entschieden. Fast 79 Prozent sprachen sich für die Annahme der Tarifeinigung aus. Das Verhandlungsergebnis sieht einen Tarifvertrag Entlastung und Beschäftigungssicherung vor.
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In Frankfurt wurde die Einigung bereits im Oktober vergangenen Jahres erzielt. Der Tarifvertrag war jetzt fertig ausformuliert und wurde unterschrieben.
An der Universitätsklinik Gießen-Marburg UKGM einigten sich ver.di und die Geschäftsführung am 14.April auf ein Eckpunktepapier Entlastung. In den vier Monaten vorher hatten sich die Kolleg*innen beispielhaft organisiert und so die notwendige Stärke erlangt, ihr Ziel, Entlastung, zu erreichen. Zwei Beteiligte erzählen, wie sie die Zeit erlebt haben.
"Es war ein andauerndes Auf und Ab der Gefühle. Beide Seiten dachten öfter, jetzt haben wir es, jetzt können wir abschließen, aber dann kam die andere Seite und hatte noch etwas gefunden, was besprochen werden musste und erneut war die Einigung dahin – alles wurde wieder aufgeschnürt."
ver.di Verhandlungsführer Stefan Röhrhoff zur Stimmung drinnen, bei den Verhandlungen:
"Die Grundstimmung der Verhandlungen war zunächst schwierig. Denn draußen wurde durchgehend gestreikt. Es war gut und wichtig zu streiken während der Verhandlungen, aber es hat Situation erschwert, weil es die Arbeitgeber nervös machte. Hart war auch, dass kein Verhandlungstag unter 12 Stunden dauerte, einmal saßen wir sogar 15 Stunden zusammen. Die Arbeitgeber hatten zuerst nur Zahlen im Kopf. Sie bezifferten wirklich alles. Wir mussten sie von diesem Schema abbringen und sie überzeugen, dass ein besseres Arbeitsklima mit mehr Personal durchaus gut investiertes Geld ist, weil es die Zukunft sichert. Es war ein andauerndes Auf und Ab der Gefühle. Beide Seiten dachten öfter, jetzt haben wir es, jetzt können wir abschließen, aber dann kam die andere Seite und hatte noch etwas gefunden, was besprochen werden musste und erneut war die Einigung dahin – alles wurde wieder aufgeschnürt.
Ein Tarifvertrag für Entlastung ist schwerer zu verhandeln als ein Entgelt-Tarifvertrag, weil die Themen unglaublich komplex sind. Bei Entgeltverhandlungen ist der Stand darstellbar. Du kannst Zahlen in eine Tabelle packen und jeder kann sie vergleichen. Hier ist alles so unglaublich vielschichtig. Schlussendlich haben wir aber ein Eckpunktepapier hinbekommen. Es hat 30 Seiten."
„Eigentlich hatte ich Zweifel, ob das funktionieren würde mit dem Entlastungstarifvertrag. Die meisten Kolleg*innen hatten bereits resigniert und waren erschöpft. Wir glaubten nicht mehr, dass sich an unserer Situation nochmal etwas ändern würde."
Ilona Kraft-Peil ist ausgebildete Krankenschwester. Am UKGM ist sie derzeit als freigestellte Betriebsrätin tätig. Sie ist Mitglied der 15-köpfigen Verhandlungskommission. Gleichzeitig war sie Teil der Bewegung draußen.
„Eigentlich hatte ich Zweifel, ob das funktionieren würde mit dem Entlastungstarifvertrag. Die meisten Kolleg*innen hatten bereits resigniert und waren erschöpft. Wir glaubten nicht mehr, dass sich an unserer Situation nochmal etwas ändern würde. „Das bringt doch eh nichts – so war die Stimmung“. Aber die Organizer, die uns während der Zeit betreuten, hatten schon Erfahrungen von den anderen Krankenhausbewegungen in Berlin und NRW. Sie erzählten uns, wie es laufen könnte. Und dann legten sie los, gingen über die Stationen und führten Gespräche. Sie trafen mit ihrer Ansprache offenbar auf letzte Reste von Hoffnung bei den Kolleg*innen und brachten die wieder zum Keimen. Immer mehr schlossen sich an, immer mehr Teams sagten, wir machen mit. Plötzlich war die Stimmung umgeschlagen „Es ist unsere letzte Chance, was zu verändern“, hieß es jetzt voller Entschlossenheit von überall her. Wir redeten viel mehr, lernten uns besser kennen, auch zwischen den Standorten, neue Gesichter, neue Bekanntschaften, viel Interesse, hatten eine Chatgruppe und viele, viele Treffen. Waren wir früher 100 Leute bei Aktionen, so waren es jetzt plötzlich 500. Es bewegte sich massiv etwas und das war ziemlich emotional. Mein ganz persönlicher Gänsehautmoment: als bei einer Kundgebung die Ärzt*innen vor die Tür kamen und sich mit uns solidarisierten. Da kamen mir die Tränen, anderen aber auch. Wir fühlten uns gesehen und wahrgenommen.
Als wir dann die Tarifeinigung hatten, da fiel eine Last von mir ab. „Endlich wieder normal arbeiten“, dachte ich, Es waren viele 12-und-mehr-Stunden Tage gewesen in diesen Monaten. Jetzt wollen wir Kolleg*innen die Bindungen halten, die wir untereinander aufgebaut haben.“