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Glanzvoller Abschied: Vorzeigeabschlüsse kurz vor der Rente

Glanzvoller Abschied: Vorzeigeabschlüsse kurz vor der Rente

03.11.2021
Bernhard Schiederig bei einem Amazon Streik 2019 Andreas Gangl Bernhard Schiederig  – Bei einem Amazon Streik 2019.

Bevor Landesfachbereichsleiter Handel, Bernhard Schiederig, in Rente geht, hat er noch Meilensteine gesetzt. Beim Tarifergebnis Groß- und Außenhandel/Verlage konnte in Hessen die Alterstaffelung der Gehälter abgeschafft werden. Der Tarifabschluss Einzel- und Versandhandel wurde gar ein Pilotabschluss und damit richtungsweisend für die anderen Bundesländer.

Sechs Monate, einige Streik-und Aktionstage und zwei Nachtsitzungen dauerten die Tarifverhandlungen im hessischen Einzel- und Versandhandel, bis dann am 29. September ein Abschluss erreicht werden konnte. Es ist der bundesweit erste Abschluss im Handel bei den diesjährigen Runden. Rückwirkend zum 1. August gibt es 3 Prozent mehr Geld, ab dem 1.4. 2022 weitere 1,7. Laufzeit: zwei Jahre. Die Ausbildungsvergütungen steigen um 30 Euro, in beiden Tarifjahren in allen drei Ausbildungsjahren.

Die Tinte unter dem Vertrag war noch nicht richtig trocken, da setzen Verbalschläge gegen den Abschluss ein, und zwar aus unterschiedlichen Richtungen. In den sozialen Medien wurde ver.di Unfähigkeit vorgeworfen, weil kein Corona-Bonus herausverhandelt wurde und keine Allgemeinverbindlichkeit. Der Verhandlungspartner selbst, der Handelsverband, erklärte per Pressemitteilung, er sei von ver.di erpresst worden, zu diesem „verantwortungslosen Abschluss“ durch massive Streiks gezwungen worden. Für ver.di -Verhandlungsführer Bernhard Schiederig waren es die letzten Tarifverhandlungen seines Berufslebens, er wechselt sehr bald in den Ruhestand.

Newsletter: Bernhard, wie ist das für dich, zuerst mit den Arbeitgebern hart in Verhandlungen zu sein, unter großer Kraftanstrengung das bestmögliche für die Kolleg*innen herausholen und hinterher dafür von allen Seiten auf die Mütze zu bekommen? 

Hier war es jetzt vor allem der HDE, der Handelsverband Deutschlands, und im besonderen Stefan Genth als Hauptgeschäftsführer, der massive Kritik an diesem Abschluss getätigt hat. Ich kann diese Kritik nicht nachvollziehen, war doch der tarifpolitische Ausschus des HDE im Hintergrund an diesem Tarifergebnis beteiligt und somit mitverantwortlich. Wenn Herr Genth jetzt davon spricht, dass ver.di ihn erpresst habe, dann ist das eine bewusste Falschaussage.

Newsletter: Kritiker*innen bemängeln, dass schon wieder keine Allgemeinverbindlichkeit des Tarifvertrags erreicht worden sei. Dabei wäre sie so wichtig für diese Branche mit ihren 30 Prozent Tarifbindung. Woran scheitert das?

Nach Unterzeichnung der Tarifverträge in Hessen fordern wir regelmäßig den Arbeitgeberverband auf, mit uns gemeinsam die Allgemeinverbindlichkeitserklärung zu beantragen. Bis jetzt haben sie es jedesmal abgelehnt. Es ist in der Tat wichtig, in dieser Branche eine Allgemeinverbindlichkeit zu bekommen, denn sonst geht der ruinöse Preiswettbewerb in dieser Branche weiter zu Lasten der Beschäftigten.

Allgemeinverbindlichkeit

  • Wird ein Tarifvertrag für allgemeinverbindlich erklärt, gilt er für die gesamte Branche, also nicht nur für die Arbeitgeber und Beschäftigten, die als Tarifparteien in den jeweiligen Verbänden und Gewerkschaften organisiert sind. In Hessen entscheidet das Sozialministerium darüber. Es muss allgemeines Interesse vorliegen. Ein Antrag muss gestellt werden, und zwar in der Regel von Arbeitgeberverband und Gewerkschaften. In Hessen sind bspw. der Tarifvertrag für Friseur*innen und der Manteltarifvertrag im Groß- und Außenhandel sowie in den Verlagen allgemeinverbindlich.

 

Newsletter: Die Arbeitgeber sprechen von Nicht-Lebensmittel-Einzelhändlern, die existenziell unter Corona gelitten hätten und die ihr mit diesem Abschluss weiter gefährden würdet, sie könnten sich solche Gehälter möglicherweise langfristig nicht leisten. Wie stehst du dazu?

 Die Arbeitgeber haben auch in der Tarifrunde immer wieder davon gesprochen, dass es Unternehmen gibt, die wirtschaftlich extrem unter der Corona-Situation leiden. Unserer Aufforderung, diese konkret zu benennen, sind sie in sechsmonatiger Verhandlung nicht nachgekommen. Im übrigen gibt es nicht nur Arbeitgeber, die unter Corona leiden, sondern auch ganz viele Beschäftigte im Einzel-und Versandhandel, die in Kurzarbeit waren und mit dem Kurzarbeitergeld von 60 bzw. 67 Prozent ihres üblichen Gehalts ihren Lebensunterhalt bestreiten mussten. Kein Arbeitgeber fragt danach, wie sie über die Runden gekommen sind.

"Wenn die Kolleg*innen, die für diesen Abschluss gestreikt haben, ihn auch als ihren Erfolg ansehen, ist das die Grundlage, sich weiter in der Gewerkschaft zu engagieren und in Tarifrunden aktiv für die gemeinsam festgelegten Ziele zu kämpfen. Ich ziehe die Kraft für meine Arbeit aus genau diesen Erfolgen."

Bernhard Schiederig

 

Newsletter: Der Abschluss ist objektiv ziemlich gut, es ist ein Pilotabschluss, der erste bundesweit in dieser Tarifrunde, wird also wegweisend sein. Dafür gebührt dem Verhandler Anerkennung. Auch rückblickend auf dein Berufsleben: Was hat dir das Gefühl von Anerkennung in dieser und ähnlichen Situationen gegeben? Wo holst du deine Kraft her?

Dieser Tarifabschluss ist in der Tat sehr gut. Wir haben ihn gemeinsam erreicht, das heißt, alle Kolleginnen und Kollegen, die sich aktiv an dieser Tarifrunde beteiligt haben, auch in anderen Bundesländern. Wenn die Kolleg*innen, die für diesen Abschluss gestreikt haben, ihn auch als ihren Erfolg ansehen, ist das die Grundlage, sich weiter in der Gewerkschaft zu engagieren und in Tarifrunden aktiv für die gemeinsam festgelegten Ziele zu kämpfen. Ich ziehe die Kraft für meine Arbeit aus genau diesen Erfolgen. Wenn wir gemeinsam für unsere Kolleginnen und Kollegen in den Branchen des Handels gute Arbeits- und Einkommensbedingungen regeln, ist das für mich der Erfolg. Das gab und gibt mir die Kraft für meine Aufgabe.

Newsletter: Stichwort Groß- und Außenhandel/Verlage in Hessen. Hier habt ihr den bayrischen Abschluss zur Orientierung übernommen, mit einer Besonderheit. Die Altersstaffeln fallen künftig in Hessen weg. Was heißt das?

Es gibt nun nur noch eine Gehaltsstufe statt wie früher mehrere. Dadurch wird jüngeren Beschäftigten der Einstieg ins Berufsleben finanziell erleichtert. Je nach Beruf und entsprechender Gehaltsstufe erhalten sie künftig monatlich brutto zwischen 119 und 511 Euro mehr, weil sie bei der Einstellung sofort in die früher höchste, nun alleinige Entgeltstufe eingruppiert werden müssen. Damit ist jede Altersdiskriminierung in den Tarifverträgen des Groß- und Außenhandels/Verlage in Hessen beseitigt. Diesem Resultat ging eine jahrelange zähe Auseinandersetzung sowie eine gerichtliche Bestätigung der Rechtsauffassung von ver.di voraus. Das ist jetzt Vergangenheit.

Mehr zu den Tarifabschlüssen im Handel 

 

  • Zur Person: Bernhard Schiederig

    Portraitfoto Bernhard Schiederig Bernhard Schiederig Bernhard Schiederig 2021

    Der langjährige Landesfachbereichsleiter Handel ist 63 Jahre alt. Er hat den Beruf des Konditors gelernt. Zur Gewerkschaft ist Bernhard gekommen, als er 1979 bei Wertkauf als Konditor beschäftigt war und in den Betriebsrat gewählt wurde. Dort hat er sich bis zum freigestellten Betriebsrats- und Gesamtbetriebsratsvorsitzenden entwickelt. Im Juli 1986 wechselte er als hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär in die damalige Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen HBV. Im Unterschied zu anderen Kolleg*innen war Bernhard immer im Fachbereich Handel tätig. Seine schönsten Erfolge: „Gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen die Angriffe auf „unsere“ Tarifverträge erfolgreich abgewehrt zu haben. Darüber hinaus: die Durchsetzung des Sonntagsschutzes sowohl in Bezug auf Ladenöffnungszeiten als auch in der Frage von Sonntagsarbeit. Zuletzt: erstmals in 20 Jahren einen Pilotabschluss für die Branche des Einzel- und Versandhandels getätigt zu haben und beim Abschluss Groß-und Außenhandel/Verlage nach 15 Jahren endlich die Lebensjahresstaffeln abgeschafft zu haben“