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1.hessischer Betriebsrätetag

1.hessischer Betriebsrätetag

19.06.2018

Der erste hessische Betriebsrätetag am 11.Juni in Frankfurt war ein voller Erfolg. Mit mehr als 130 Teilnehmenden war die Konferenz ausgebucht. Einen ganzen Tag lang hatten die frisch gewählten oder im Amt bestätigten Betriebsrät*innen sämtliche Tagungsräume des Gewerkschaftshauses in Frankfurt für sich. Nebenstehend ein Interview aus der ver.di publik in voller Länge, das wir mit dem Regionalleiter von ver.di bildung & beratung Hessen, Wolfgang Neubauer, geführt haben. ver.di b&b und ver.di Hessen haben den Betriebsrätetag gemeinsam ausgerichtet. Im Anschluss an den Text eine ausführliche Bildergalerie, die chronologisch aufgebaut ist und per Foto durch den Tag führt.

In diesen Tagen geht eine neue Riege von Kolleginnen und Kollegen in den Betriebsräten an die Arbeit. Tausende von Beschäftigten haben sie von Anfang März bis Ende Mai bei den turnusmäßigen Wahlen in den Betrieben und Dienststellen gewählt. Was für die meisten mit dem ehrbaren Gefühl begann, sich für Gerechtigkeit und für andere einsetzen zu wollen, entwickelt sich jetzt in der Praxis als hochspezialisierte Tätigkeit, die sehr viel neues Wissen und Handlungskompetenz erfordert. Sie müssen rechtliche Grundlagen wie Betriebsverfassungsrecht und Arbeitsrecht lernen sowie Sitzungsleitung, Verhandeln und vieles mehr. Dazu brauchen insbesondere die neuen Mitglieder der Gremien Seminare. Angeboten werden diese von ver.di Bildung + Beratung (ver.di b+b), einer bundesweiten ver.di-Tochter. Als eigenständiges, gemeinnütziges Unternehmen ist ver.di b+b auf die Weiterbildung und Beratung von Betriebsratsgremien spezialisiert. Wolfgang Neubauer leitet ver.di b+b Hessen.

Portraitfoto Wolfgang Neubauer privat Wolfgang Neubauer

Wolfgang, ihr habt mit ver.di Hessen am 11. Juni den ersten hessischen Betriebsrätetag in Frankfurt veranstaltet. Wozu genau dient so ein Betriebsrätetag, was wolltet ihr damit erreichen?
Wir haben unser Ziel erreicht, mit dem Hessischen Betriebsrätetag den neu- und wiedergewählten Betriebsratsmitgliedern eine erste Orientierung für die neue Amtszeit zu geben. Dabei haben wir einen großen Bogen gespannt. Zum einen ging es um die zentralen, zukunftsweisenden Themen der Arbeitswelt 4.0, d.h.: Wie verändern sich Rahmenbedingungen durch die Digitalisierung der Arbeit? Was sind die Herausforderungen, denen sich Betriebsräte dabei stellen müssen? Zum anderen vermittelten wir in Workshops ganz praktische Hinweise, wie Betriebsratsmitglieder gut in die neue Amtszeit starten und was erste Schritte für den Einstieg in eine erfolgreiche Betriebsratsarbeit sein können. Der Markt der Möglichkeiten bot ihnen viele nützliche Tipps, z.B. wie sie sich in ihrem neuen Amt qualifizieren können, welche Unterstützungs- und Beratungsangebote zur Verfügung stehen und wie hilfreich und förderlich eine enge Vernetzung mit den zuständigen ver.di-Fachbereichen sein kann.

Welche konkreten rechtlichen, von der Politik gesetzten Themen kommen in der jetzt startenden Legislatur auf die Betriebsratsgremien zu?
Einige gesetzlichen Änderungen sind bereits seit Beginn des Jahres in Kraft getreten, so z.B. die Novellierung des Mutterschutzgesetzes, die den Arbeitgebern u.a. aufgibt, die Gefährdungsbeurteilung der Arbeitsplätze präventiv auf Risiken für Schwangere hin zu untersuchen. Oder das Betriebsrentenstärkungsgesetz, das bessere steuerliche Förderung und einen verbindlichen Arbeitgeberzuschuss bei Betriebsrenten vorsieht. Ganz aktuell ist am 25. Mai die EU-Datenschutzgrundverordnung in Kraft getreten. Es sieht einen verschärften Schutz von Beschäftigten- und Kundendaten in den Unternehmen vor. Hier sind die Betriebsratsgremien gefordert, die im Unternehmen abgeschlossenen Betriebsvereinbarungen an die neuen Regelungen anzupassen.
Im Hinblick auf zukünftige Gesetzesvorhaben hat die neue Bundesregierung schon durchblicken lassen, dass sie Änderungen am Teilzeit- und Befristungsgesetz plant, u.a. eine Verkürzung der Dauer bei sachgrundlosen Befristungen und ein Anrecht auf befristete Teilzeit. Außerdem, und da sind wir bei den Themen unseres Betriebsrätetages, werden durch die zunehmende Digitalisierung in den verschiedenen Branchen, weitere Themen auf die Tagesordnung gehoben, wie z.B. Änderungen im Arbeitszeitgesetz – hier ist über die Öffnung durch Tarifverträge geplant, betriebliche Regelungen über die wöchentliche Höchstarbeitszeit zuzulassen und dadurch der Flexibilisierung der Arbeitszeit neue Möglichkeiten zu eröffnen – oder Regelungen zur mobilen Arbeit, zur digitalen Verwaltung, zur digitalen Personalakte, und, und und.... Die Herausforderungen unter dem Zeichen der Digitalisierung werden enorm sein, der Wandel der Arbeitswelt noch nicht absehbar.

ver.di b+b schult Mitglieder von Betriebsräten in vielen rechtlichen Themengebieten, gibt Seminare vor Wahlphasen. Was bietet ihr darüber hinaus an?
Zunächst: Wir qualifizieren nicht nur Betriebsratsmitglieder hinsichtlich ihrer Aufgaben und Anforderungen. Gleiches bieten wir für Personalratsmitglieder im Bereich des öffentlichen Dienstes an, für Mitarbeitervertretungen in konfessionellen Einrichtungen, für Jugend- und Auszubildendenvertretungen, für Schwerbehindertenvertretungen sowie für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte – also alle Formen von Arbeitnehmer/-innen - Interessenvertretungen.
Zurück zu Deiner Frage, was wir noch anbieten. Wir sind mehr als ein Seminaranbieter. In Zusammenarbeit mit ver.di begleiten und unterstützen wir die Betriebsratsgremien in ihrer Amtszeit durch Bildung und Beratung. Das tun wir mit Bildungsberatung in den Gremien und, indem wir sie bei der eigenen Arbeitsorganisation, dem Teambuilding, der Ziel- und Maßnahmenplanung als auch der strategischen Ausrichtung unterstützen. Angesichts der Komplexität ihrer Arbeit gewinnt dieses Angebot an Bedeutung. Denn es hilft, Komplexität zu handhaben. Immer mehr Interessenvertretungen begeben sich regelmäßig mit unserer Unterstützung in Klausur, um eine gemeinsame Ausrichtung verbindlich zu vereinbaren. Die Rückmeldung der Gremien: durch regelmäßige Klausuren arbeiten sie effizienter und zielorientierter – letztlich mit größerem Erfolg, weil sie sich gut und professionell aufstellen. Also wenn wir von Teilnehmenden die Rückmeldung bekommen „Toll, Ihr vermittelt nicht nur Wissen, sondern wie ich es in meiner Praxis umsetzen kann. Es geht immer darum: Was muss ich wissen? Welche Handlungsmöglichkeiten habe ich? Was ist meine Rolle?“ , ja, dann freuen wir uns, weil uns offensichtlich gelingt, was uns am Herzen liegt: Die Mitglieder der betrieblichen Interessenvertretungen in ihrer ganz konkreten Praxis in ihrer Handlungsfähigkeit zu stärken.
Ein Alleinstellungsmerkmal sind sicherlich unsere tarifrechtlichen Seminare. Mit ver.di sind wir am Puls der Zeit, wenn neue Tarife ausgehandelt werden. So können wir zeitnah und qualifiziert tarifrechtlich schulen. Über die Jahre haben wir z.B. ein Team von Expertinnen und Experten für den TVöD entwickelt.
Auf unsere Qualifizierungsreihen zur Professionalisierung der Interessenvertretungsarbeit möchte ich ebenfalls hinweisen, wie z.B. unsere Reihe „Interessenvertretung als Berufung“. Sie erstreckt sich über mehrere Module und kann mit einem Universitätszertifikat abgeschlossen werden.
Last not least bieten wir auf unseren gemeinsam mit den ver.di Fachbereichen durchgeführten Konferenzen und Tagungen vielfältige Möglichkeiten, sich mit aktuellen Fragestellungen auseinanderzusetzen und sich mit anderen Interessenvertretern auszutauschen – wie zuletzt bei unserem Hessischen Betriebsrätetag.

Es ist ja nicht nur das Fachwissen, was den neuen oder auch schon erfahreneren Betriebsratsmitgliedern abverlangt wird. Sie begeben sich auch in eine neue soziale Rolle. Es ist ja ein öffentliches Amt, das sie bekleiden. Wie erlebt ihr das als Teamende, wie gehen die Kolleginnen und Kollegen damit um? Setzen sie sich überhaupt damit auseinander?
Ja, in der Regel beschäftigen sich Betriebsratsmitglieder mit dieser Frage, insbesondere die Vorsitzenden. Neben allen rechtlichen und tarifvertraglichen Qualifizierungsthemen ist unser zentrales Anliegen, die handelnden Akteurinnen/Akteure für ihr Amt zu befähigen, also ihre Rolle zu definieren, ein Selbstverständnis ihres Aufgaben- und Verantwortungsbereiches zu entwickeln, Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und Durchsetzungsfähigkeit zu erlangen. Vielen neuen Betriebsratsmitgliedern ist am Anfang noch gar nicht klar, wie umfassend und verantwortungsvoll ihre neue Rolle als Interessenvertretung im Betrieb ist. Gerade in unseren Grundqualifizierungsangeboten bieten wir deshalb hierzu vielfältige Möglichkeiten zur Auseinandersetzung und Rollenfindung an. So haben wir für Vorsitzende und ihre Stellvertretungen spezielle Angebote („Vorsitzende haben es nicht leicht“, „Coaching“).

 Du arbeitest schon länger im Bildungsbereich mit Betriebsratsgremien. Was macht denn ein gutes Betriebsratsmitglied deiner Meinung nach aus? Ist es eine große Sachkenntnis oder Verhandlungsgeschick, Einfühlungsvermögen oder muss ich eine Führungspersönlichkeit sein?
Ich glaube, mit der Entscheidung jedes Einzelnen, sich im Betriebsrat zu engagieren, sich zur Wahl zu stellen, ist schon ein wesentliches Kriterium erfüllt. Nämlich die Erkenntnis nicht nur die eigenen Interessen im Betrieb zu verfolgen, sondern gemeinsam mit anderen an der Verbesserung von Arbeitsbedingungen für alle mitzuwirken. Deshalb kommt es m.E. in erster Linie auf die persönliche Authentizität in der Verfolgung dieses Anspruchs an. Hierzu bedarf es sicherlich eines guten Einfühlungsvermögens in die Belange der Beschäftigten, die sich bei der Verfolgung ihrer Interessen im Betriebsrat gut aufgehoben fühlen müssen. Sachkenntnis und Verhandlungsgeschick sind sicherlich Kernkompetenzen, um dem Arbeitgeber auf Augenhöhe begegnen zu können. Sie lassen sich aber durch gezielte Qualifizierung erlangen und bilden sich mit zunehmender Erfahrung weiter aus.

Wie ist das in der modernen, digitalen Welt, werden heutzutage andere Persönlichkeiten Mitglieder im Betriebsrat als noch vor 20 Jahren? Hat sich da etwas verändert?
Nun, bei den Betriebsratsgremien vollzieht sich, wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen, ein demographischer Wandel. Viele langjährige Betriebsratsmitglieder werden aus dem Amt scheiden und jüngere Kolleginnen und Kollegen nachziehen. Der schon angesprochene Wandel in der Arbeitswelt wird sicher auch andere Persönlichkeiten in die Betriebsratsgremien bringen. Noch sind keine gravierenden Veränderungen erkennbar. Ich bin schon gespannt, wie sich dies bei den diesjährigen Betriebsratswahlen ausgewirkt hat.
Wir als Bildungsanbieter machen uns Gedanken: Was sind geänderte Anforderungen an die Bildungsarbeit? Mit welchen Themen und Bildungsformaten erreichen wir die nachwachsende Generation in den Gremien? Auch der Bildungssektor befindet sich im Zuge der Digitalisierung im Umbruch. Das Internet und soziale Medien bieten neue Formen des Lernens, die wir in unser Bildungsangebot integrieren müssen.