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Interview: Alles anders diesmal

Interview: Alles anders diesmal

15.09.2020
Andreas Jung am Mikro, blickt nach links, Portraitfoto Stefan Schneider Andreas Jung

Das nachfolgende Interview mit dem hessischen Landesfachbereichsleiter Postdienste, Speditionen und Logistik, Andreas Jung, erscheint in einer gekürzten Form auf der Hessenseite der publik Nr.6/2020.

 

 

 

 

  • Alles anders diesmal Aktionsformen - erste Tarifrunden nach Corona Lockdown

    Gewerkschaft, das heißt zusammenstehen, auch im wörtlichen Sinn. Bei Streiks, bei Aktionen und Demos kommt man sich sehr nah. Corona und die Notwendigkeit zum Abstand bringen uns jetzt gründlich zum Umdenken. Die Beschäftigtenaktionen bei beiden großen Tarifrunden in diesem Herbst, öffentlicher Dienst und deutsche Post, müssen anders ablaufen als gewohnt. Tausende entschlossene Postkolleginnen und –kollegen Seite an Seite auf der Frankfurter Kaiserstraße, wie beispielsweise 2015 im Arbeitskampf, das würde es diesmal nicht geben, soviel war klar. Andreas Jung, hessischer Fachbereichsleiter Postdienste, Kreativität bei Aktionsformen, wie seid ihr an das Thema rangegangen?

    • Zuerst Bedingungen klären.

      Andreas Jung: Wir sind von der Pandemie und den daraus folgenden Restriktionen mitten in den Vorbereitungen für die Tarifrunde Entgelt Deutsche Post AG erwischt worden. Beschlüsse zur Kündigung des Entgelttarifvertrages waren auf dem Weg, Vorbereitungen für eine aktivierende Mitgliederbefragung bereits fortgeschritten. Die Tarifkommission hat mit Beginn des Lockdowns entschieden, die Kündigung des Tarifvertrages vorerst nicht auszusprechen. Zum einen wegen der systemwichtigen Funktion der Deutschen Post in dieser bisher einmaligen Situation und der Versorgung der Bevölkerung, zum anderen natürlich auch wegen der Schwierigkeiten und Beschränkungen in der heißen Phase einer kommenden Tarifauseinandersetzung.
      Mit den sich abzeichnenden Lockerungen der Beschränkungen, der gebremsten Verbreitung des Virus und den wieder nachvollziehbaren Infektionsketten hat die Tarifkommission entschieden, die Kündigung des Tarifvertrages auszusprechen und – unter veränderten Bedingungen – wieder gewerkschaftliche Kernaufgaben wahrzunehmen: Verhandeln von Tarifverträgen.
      Unsere Mitglieder hatten mindestens Verständnis für diese angepasste Strategie, viele waren auch erleichtert, weil die Arbeitsdichte in den ersten Wochen des Lockdowns erheblich erhöht war, wie im Weihnachtsverkehr, nur länger andauernd, so wurde uns berichtet.

    Wie schwer war es, sich Corona-konforme Arbeitskampfaktionen auszudenken? Wie ist die Stimmung bei den Kolleg*innen gewesen?

    • Sind noch am Probieren

      Andreas Jung: Im Prinzip sind wir auch noch in der Findungsphase, es ist ein Prozess, und wir sehen, wie wir in Zukunft Versammlungen und auch Streikaktionen oder Demonstrationen durchführen können. Für eine demokratische Willensbildung ist das Zusammenkommen und Diskutieren unabdingbar. Nur wenn viele zusammen ihre Ideen beitragen, können wir hier auch weiterhin mit Mächtigkeit und Kreativität etwas bewegen.

       

    ver.di publik: So wie es derzeit aussieht, dauern die Veränderungen wegen Corona weiter an. Gewerkschaften müssen sich darauf einstellen. Ihr wart jetzt sozusagen Pioniere, als erste Tarifrunde nach dem Lockdown. Welche Tipps kannst du den Kolleg*innen aus anderen Bereichen mitgeben?

    • Neues und altbewährtes kreativ kombinieren!

      Andreas Jung: Wichtig ist, sich mit den Betroffenen auseinander zu setzen, offen zu sein für die besten Lösungen, ungewohntes auch ausprobieren. Neue Medien zur Vernetzung nutzen, aber dabei trotzdem das Persönliche nicht vergessen, denn zu viel sozialer Abstand führt zu sozialer Armut.
      Gestartet haben wir mit Diskussionen in den Betriebsgruppen und der Tarifkommission per Telefonkonferenz und Videotelefonie, die Mitglieder haben wir mit einem uralten Mittel erreicht: dem Brief! Wir haben zur Mitgliederbefragung aufgerufen und die Mitglieder hatten die Wahl entweder Online oder klassisch per Fragebogen abzustimmen über die Tarifpolitik des Fachbereichs. Beide Medien wurden in hohem Maße genutzt, das zeigt, es besteht Bedarf an Beteiligung und Aktion und darüberhinaus, neue und klassische Methoden schließen sich nicht aus!
      Die Planungen für mögliche Warnstreikaktionen beginnen damit, dass sich Betriebsgruppen Gedanken über die geänderten Bedingungen machen und stärker regional, vor Ort denken müssen: wie wird das Ordnungsamt informiert, wie können Streiklisten so geführt werden, dass eine Ansteckungsgefahr minimiert ist, ist genügend Desinfektionsmittel vorhanden, Kugelschreiber, die nicht durch tausend Hände gehen, wie wird der Abstand gewahrt im Streiklokal, was kann als Verpflegung überhaupt noch gereicht werden? Aber auch die Aktionsform selbst wird sich wandeln, hunderte Menschen auf engstem Raum kann es unter diesen Umständen nicht geben, wir müssen mehr mit Symbolik arbeiten: Lange Absperrbänder und Kolleginnen und Kollegen im Abstand von 1,50 Meter, selbstgemalte Pappkameraden mit Forderungen, aber damit wären dann auch Aktionen wie das Einkreisen von großen Betrieben möglich, auch das kann gute Bilder erzeugen und den Zusammenhalt stärken.
      Eins ist klar: die Gesundheit unserer Mitglieder wird nicht aufs Spiel gesetzt!