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"Bildung kann Folgen haben - muss aber nicht."

"Bildung kann Folgen haben - muss aber nicht."

17.08.2020
Der ehemalige langjährige Leiter des Fachbereichs Gemeinden von ver.di Hessen mit schwarzem Albert Einstein T-Shirt auf seinem Balkon in einem Gartenstuhl sitzend. privat Gerhard Abendschein  – Der ehemalige langjährige Leiter des Fachbereichs Gemeinden von ver.di Hessen ist im Frühjahr in Rente gegangen.

Eigentlich hätte es ein Interview werden sollen über die 34 Jahre Hauptamtlichkeit bei der Gewerkschaft, die Kollege Abendschein im Mai im Regelrentenalter beendet hat. Mit Bewertungen, Bilanzen und Tipps für die Nachfolgenden. Aber die Unterhaltung ließ das bloße Aneinanderreihen beruflicher Fakten schnell hinter sich und wechselte zur politischen Ideengeschichte, zu Bildung und Analyse. Abendschein sei ein hervorragender Analytiker, sagen Kolleg*innen. Er sagt, Bildung sei sein Lebensthema. In der ehemaligen ötv war Gerhard Abendschein über ein Jahrzehnt als Jugendbildungssekretär tätig. Von ver.di-Gründung an bis jetzt leitete er den Fachbereich Gemeinden. 

Das Interview erscheint in einer gekürzten Version auf der Hessenseite der ver.di publik, Nr. 5/2020.

publik: Du bist mitten im strengen Corona-Lockdown ausgeschieden, kein Abschiedsempfang mit Kolleg*innen, kein Händedrücken, keine Umarmungen, keine Blumen, keine Anekdoten, nichts. Ganz anders als vor Corona bei ver.di. Wie war das für dich?

Abendschein: Das war schon merkwürdig. Von einem Tag auf den anderen bist du raus. Aber es ist eben so zurzeit. Ich habe mich damit arrangiert, habe schon etwas Abstand bekommen. Denn ich merke, wenn in der Zeitung etwas über Gewerkschaften steht, dass ich nicht mehr so genau hinschaue. Das ist nicht mehr so von Bedeutung wie noch vor einem halben Jahr.

publik: Gehen wir auf Anfang. Wie kamst du zur Gewerkschaft? Du bist nicht klassisch aus dem Betrieb rekrutiert, wie das damals noch üblich war.

Abendschein: Wie andere aus meiner Generation komme ich über die Bildungsarbeit. Es waren die 80er Jahre, ich wurde in der Studierendenvertretung politisiert. Dann habe ich mich mit Ökologie und Geschichte beschäftigt, vor allem mit der Sozialgeschichte der Arbeiter*innenbewegung. Das war naheliegend damals, wir wollten wissen, wie Widerstand funktioniert. Wir haben uns in Seminaren auch intensiv mit Faschismus befasst, und zwar nicht so sehr mit der offiziellen Geschichte, sondern mehr mit Mentalitäten. Was waren das für Leute, wie tickten die? Ein Buch, das für mich in dem Zusammenhang eine große Rolle gespielt hat, war Theweleits Männerphantasien. Er untersuchte die Charaktere in der faschistischen Bewegung. Dann gibt es ja Hinweise darauf, dass die sich in bestimmten Punkten zumindest von den Charakteren der kommunistischen Funktionäre auch nicht unterschieden haben. Die Auseinandersetzung damit war für mich ganz wichtig.
Ich habe Seminare gegeben im damaligen Haus der Gewerkschaftsjugend in Oberursel und in der hessischen Jugendbildungsstätte Dietzenbach. Es waren oft Gewerkschafter da und so kam ich zur ötv als Jugendbildungsreferent.

"Wir haben über Anarchismus mal ein Seminar in Oberursel gemacht. Das hat manchen Gewerkschaftern auf höherer Ebene ganz und gar nicht gefallen. Die Anarchosyndikalisten waren in der Weimarer Republik sehr stark. Mir gefällt der Ansatz der Betriebsarbeit, den der Anarchosyndikalismus hatte."

publik: Dort konntest du deine Bildungsideen umsetzen und dich auch mit den verschiedenen historischen gewerkschaftlichen Strömungen intensiver befassen. Welche hat dich besonders beeindruckt?

Abendschein: Das waren die Anarchosyndikalisten. Wir haben über Anarchismus mal ein Seminar in Oberursel gemacht. Das hat manchen Gewerkschaftern auf höherer Ebene ganz und gar nicht gefallen. Die Anarchosyndikalisten waren in der Weimarer Republik sehr stark. Die Freie Arbeiter Union Deutschlands, die FAUD hatte damals bis zu 200.000 Mitglieder. Rudolf Rocker, Erich Mühsam, das waren die Namen. Leider haben diese Ansätze eine gewisse Naivität nie überwunden. Sie sind schlüssig bis zum ersten Weltkrieg und danach werden sie fragwürdig. Mir gefällt der Ansatz der Betriebsarbeit, den der Anarchosyndikalismus hatte. Anarchismus als Bewegung ist dann spätestens ab der Bundesrepublik überholt gewesen.

Leider wird der Begriff auch falsch benutzt, es wird alles dran gebunden, was an Terrorismus existiert hat, das ist historisch falsch. Die RAF zum Beispiel war ja eine klassische Spießerorganisation marxistisch-leninistischer Ausrichtung. Das waren keine Anarchisten. Anarchismus ist letztlich auch keine überzeugende politische Orientierung, der letzte Versuch libertärer Politik, das waren die Spontis.

Die Linke war ja so vielfältig. Mittlerweile findet man linke Positionen überall auf der Welt, aber sie sind dann oft noch mit irgendetwas anderem verbunden, wo man dann denkt, oh nein lieber nicht.

publik: Nächste Station nach dem Jugendbildungsreferenten und dem Bildungssekretär für die nichrt mehr Jugendlichen war die Leitung des Fachbereichs Gemeinden. Den hattest du bei der ötv als kleinen Bereich dabeigehabt, mit ver.di wurde er zu einem riesigen Bereich, den du fast 20 Jahre lang geleitet hast.

Abendschein: Hat mir gutgetan, jetzt was zu sagen zu haben. Aber Spaß beiseite. Im Fachbereich Gemeinden ging es im Wesentlichen um das Herstellen von Handlungsfähigkeit, von Arbeitskampffähigkeit. Die inhaltlichen Themen von Beschäftigtenbeteiligung und Bürgerpartizipation wurden leider sehr randständig. Dazu hat sicher auch beigetragen, dass der in der alten ötv stark verfolgte „Gestaltungsansatz“ die gewünschten Ergebnisse nicht brachte.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff Gestaltungsansatz?

  • Gestaltungsansatz war die Idee, in Kooperation mit den Arbeitgebern eine Modernisierung des öffentlichen Dienstes zu erreichen. Hat aber leider dazu geführt, neoliberale Betriebswirtschaftselemente in den Verwaltungen zu implementieren.

In ver.di wurde das leider nicht gut aufgearbeitet.
Es war eine starke Zäsur damals, ich erlebte das Organisationsgebilde als einen Rückschritt. Damit habe ich mich immer kritisch auseinandergesetzt. Passen wir so groß und so schwerfällig noch in die sich schnell verändernde Welt? Blicken wir kritisch genug auf unser Handeln, um uns verändern zu können? So manches Mal dachte ich, wir haben keine Struktur für Selbstkritik, damit meine ich das, was man früher mal unter lernender Organisation kannte. Sie erzählen zwar immer alle, wie toll sie sind, aber bei näherem Hinsehen stimmt es nicht.

Ich wünschte mir auch mehr Verständnis für strategische Prozesse. Nehmen wir den großen Streik der Erzieherinnen und sozial Arbeitenden 2015. Da war so eine Kraft, das war ganz schnell eine große Bewegung. Und am Ende war riesengroße Enttäuschung. Da ist mir klargeworden, dass man mit jahrzehntealten erprobten streikstrategischen Überlegungen bestimmte Interessenskonstellationen nicht bearbeiten kann. Wir haben da keine Antwort gefunden.

publik: Du hast dich über die Auseinandersetzung mit Geschichte politisiert und so auch in den Beruf gefunden. Das war in den 80ern und passte in die Zeit. Können Bildungserfahrungen heutzutage noch ähnlich prägend sein, speziell im gewerkschaftlichen Umfeld?

Abendschein: Ich halte es für möglich, dass Bildung Folgen hat, aber es ist nicht zwangsläufig. Die Menschen, die mit Bildung konfrontiert werden, entscheiden bis zu einem bestimmten Grad doch selbst, was sie daraus machen. Es hat sich aber auch verändert. Die gewerkschaftliche Bildung, mit der ich gestartet bin, war noch sehr schulisch geprägt, da ging es um Inhalte, es wurde gelernt. Da gab es Konzepte, da war im 5-Minuten-Takt klar, was jetzt passiert. Das ist aber alles Unfug. Bildung funktioniert so nicht. Ich glaube, Bildung ist ganz einfach. Du kannst versuchen, Angebote zu machen, ob die Leute sie nehmen und was sie davon nehmen, ist ihre Sache. Man kann es versuchen, zu inszenieren, um die Wahrscheinlichkeiten zu erhöhen, aber letzendlich entscheiden sie selbst. Auch wenn das dazu führt, dass sie oft nicht das denken, was ich richtig finde. Aber das ist gut so. Es wäre ziemlich schlimm, wenn das so mechanisch funktionieren würde.

publik: Das gibt dem Individuum viel Raum. Wie kommst du dann mit typischen Zeiterscheinungen wie Verschwörungstheorien zurecht?

Abendschein: Ich konnte nur Gewerkschaftssekretär sein, weil ich die Menschen auch mag. Und ich glaube, dass Menschen grundsätzlich darauf angewiesen sind, sich die Welt zu erklären, weil sie nicht in der Lage sind, sie in ihrer Totalität zu erfassen. Dann ist es doch gescheit, zu versuchen, das möglichst einfach zu gestalten. Dabei kommen dann leider die krudesten Sachen raus. Wie kann man antisemitisch sein, wenn man nur ein bisschen was im Hirn hat? Es ist eben eine der Optionen, die der Mensch sich aussucht. Ich tröste mich damit, dass es auch andere Menschen gibt.

"Ich glaube, dass Menschen darauf angewiesen sind, sich die Welt zu erklären, weil sie nicht in der Lage sind, sie in ihrer Totalität zu erfassen. Dann ist es doch gescheit, zu versuchen, das möglichst einfach zu gestalten. Dabei kommen dann leider die krudesten Sachen raus. Wie kann man antisemitisch sein, wenn man nur ein bisschen was im Hirn hat?"

Publik: Das klingt ernüchtert. Du bist doch mit einer Utopie gestartet, damals. Wo ist die?

Abendschein: Ich gehöre einer Generation an, die 1989 in ein emotionales Loch gefallen ist. Das war zwar nicht meine Utopie, dieser realsozialistische Scheiß, aber ich habe mit vielen anderen doch seit damals sehr gezweifelt, ob Utopien überhaupt einen Sinn machen. Das hat sich erst in den letzten Jahren wieder geändert. Jetzt gibt es utopische Momente. Was gehört zum Beispiel zu einer Gewerkschaft? Renitenz. Auch wenn das ein Gewerkschaftsvorsitzender schwer erträgt. Ein Laden, in dem die Leute nicht renitent sind, was soll das?

Auch ein Demokratieverhalten ist für mich so etwas. Ich habe jetzt bei Corona keine ordnenden Beiträge von Gewerkschaften wahrgenommen. Man hätte durchaus was dazu sagen können, fernab des Stils von Verschwörungstheorien. Gewerkschaft als ein zivilgesellschaftlicher demokratiefördernder Akteur, das ist allemal noch ein utopisches Moment für mich. Die ganz große Utopie muss man Mitte 60 nicht mehr haben. Jetzt können die Jungen überlegen, wo sie hinwollen. Wir hatten unsere Chance und haben sie nicht gut genutzt. Jetzt müssen sie gucken, ob sie es besser können. Hoffentlich.