Brennpunkt

Gewerkschafterin mit Leib und Seele

Gewerkschafterin mit Leib und Seele

Ellen Maurer am Rednerpult Ralf Dindorf Ellen Maurer 7

Ellen Maurer war 16 Jahre lang Vorsitzende des Landesbezirksvorstands. Seit 41 Jahren ist sie Gewerkschaftsmitglied, ebenso lang engagiert sie sich ehrenamtlich. Für Demokratie, gegen Rassismus, für Arbeitnehmer*innenrechte, für die Gleichstellung von Frauen. Im März bei der Landesbezirkskonferenz trat sie nicht mehr an. Ellen Maurer ist bei American Express beschäftigt. Sie gehört dem Fachbereich 13, besondere Dienstleistungen an. Im Folgenden zieht sie Bilanz ihres gewerkschaftlichen Wirkens.

Was war dein größter Erfolg, wenn du auf die vergangenen 16 Jahre als Landesbezirksvorstandsvorsitzende zurückblickst?

Ich kann jetzt nicht ein konkretes Erlebnis nennen, es war mehr die Art des Arbeitens, die ich als erfolgreich erlebt habe. Wenn wir als Gremium etwas diskutiert hatten, es thematisch aufgearbeitet und dann in einer Veranstaltung den Mitgliedern nahegebracht haben. Wir waren dann auch mal in Kassel oder Fulda oder Südhessen, wir haben es in die Regionen gebracht.

Es ist ja nicht wenig Arbeit, die eine Gremienvorsitzende in einer Gewerkschaft wie ver.di hat. Du warst immer vollzeiterwerbstätig. Wie hast du das Pensum bewältigt? 

Ich habe Gewerkschaftsarbeit immer auch als mein Hobby begriffen. Ich bin dann eben nicht in den Lesekreis gegangen, sondern habe mindestens zweimal die Woche in meiner Freizeit einen Gewerkschaftstermin eingeplant. Aber auch außerhalb von ver.di musst du dich bei Terminen zeigen. Dann verbringst du Abende mit Lesen, denn Vorbereitung ist wichtig. Aber das hat auch meine Arbeit als Betriebsrätin befruchtet, ich habe immer überlegt, was kann ich in den eigenen Betrieb mitnehmen und dort einbringen und umgekehrt. Klar, es ist wenig Freizeit im klassischen Sinn. Die Arbeitsweisen von ehrenamtlichen Gremienmitgliedern sind in ver.di durchaus sehr unterschiedlich. Es gibt Kolleg*innen, die können viel während der Dienstzeit erledigen, sie kommen aus größeren Betrieben, können Gremiensitzungen tagsüber besuchen, bei vielen geht das eher nicht, die Firmen sind zu klein oder auch nicht tarifgebunden. Manchmal herrschte da wenig Verständnis von den „Großen“ für die „Kleinen“, die auch mal eher eine Sitzung am Abend oder am Wochenende gemacht hätten.

"Ellen Maurer kann man nachts um drei Uhr wecken und sie übernimmt sofort die Leitung einer Delegiertenkonferenz. Davon haben wir als Fachbereich und als Landesbezirk jahrzehntelang profitiert."

Mathias Venema, für Ellen Maurer zuständiger Fachbereichsleiter

Als Sitzungsleiterin bist du gefragt wie kaum jemand sonst. Sitzungsleitung bei der Landesbezirkskonferenz, bei der Bezirksfachbereichskonferenz deines Herkunfts-Fachbereichs Besondere Dienstleistungen 13, bei der Bezirkskonferenz Frankfurt, 16 Jahre Leitung der Landesbezirksvorstandssitzungen. Du bist geschätzt und gleichermaßen gefürchtet, denn deine strengen Rüffel sind legendär, aber du schaffst es einfach immer, Struktur und Ordnung in eine Sitzung zu bringen. Wie kommt das? Bist du ein Naturtalent?

(Lacht). Mich wundert ja nur, dass ich es irgendwie nie geschafft habe, mal einen Bundeskongress zu leiten. Es hat mich nie jemand gefragt…
Aber im Ernst, ich habe mir damals in der Gewerkschaftsjugendarbeit ein sehr gutes Fundament erarbeitet, da habe ich viel gelernt. Ich war bei der Deutschen Angestellten Gewerkschaft DAG, wir waren als Jugend sehr aufmüpfig. Da musst du dann einfach gut sein, um nicht durch Formalien ausgehebelt zu werden. Du brauchst eine solide Satzungskenntnis, das gehört zur Grundausstattung. Nebenbei lernst du so auch Leitung.

Ellen Maurer von Nah, stützt Gesicht auf Hände und schaut seitlich nach oben Ralf Spiegel Ellen Maurer 3

Apropos Leitung. Als Frau stark in Leitung zu sein, damit übst du auch Vorbildfunktion aus. ver.di Hessen hat knapp über 50 Prozent weibliche Mitglieder. Es gibt eine Frauenquote für die Gremien und für die hauptamtliche Landesbezirksleitung. Wie beurteilst du Frauenquoten? Top oder Flop?

Ich bin eine leidenschaftliche Verfechterin der Frauenquote. Meiner Meinung nach hat sie in ver.di gut gewirkt. Dadurch, dass Frauen einen festen Platz in der Organisation haben, sind andere Themen und andere Sichtweisen möglich, als wenn Männer die Gremien dominieren würden. Ich habe immer in gewerkschaftlichen Frauengremien mitgearbeitet, auch im Bundesfrauenausschuss. Ja, Quote muss sein. Bei den Hauptamtlichen sehe ich leider zu wenig Frauen nachkommen. Es gibt auch keine erkennbare Kultur, Frauen systematisch auf Führung vorzubereiten. Männer melden sich eben schneller, selbst wenn sie nicht geeignet sind. Frauen zweifeln eher an sich und trauen es sich nicht zu. Es müssten viel mehr Frauen auf lange Sicht gefördert und vorbereitet werden, quasi als Führungsreservoir. In drei Jahren wird absehbar eine Stelle frei, prima, dann habe ich die und die und die. Alle könnten es machen. Also bitte: mehr Frauen fit für Führung machen!

"Ellen Maurer ist eine standhafte und überzeugende Kämpferin für das Ehrenamt. Dabei hat sie stets die Gleichstellung von Frauen fest mit im Blick, innerhalb und außerhalb ver.dis. Mich beeindruckt, wie grundlegend sie für Gerechtigkeit und Demokratie eintritt. Deswegen war die Zusammenarbeit mit ihr eine Bereicherung in jedweder Hinsicht."

Jürgen Bothner, Landesbezirksleiter

Du bist jetzt 41 Jahre in der Gewerkschaft aktiv, außerdem in der Politik. Mit deiner politischen Erfahrung, wo siehst du die Gewerkschaft stehen in unserer Gesellschaft?

Die Gewerkschaften haben dasselbe Problem wie die SPD. Die Themen sind bekannt und werden auch hochrangig behandelt und genannt, aber die Menschen nehmen es nicht wahr. Es gibt ein Kommunikationsproblem mit der Bevölkerung. Die Nachricht kommt nicht an. Auch die Rolle der Medien finde ich dabei problematisch. Sie zeigen uns Gewerkschafter*innen nur, wenn wir streiken. Und selbst dann gilt ihr erstes Interesse dem, was alles nicht funktioniert während des Streiks und nicht den Menschen, die ihr grundgesetzliches Recht wahrnehmen, ihre Löhne frei auszuhandeln und dafür mit Streik einstehen. Das ist schade. Wir haben viel mehr zu bieten. Aber anscheinend können wir unsere Themen nicht so richtig an die Leute bringen. Ich finde, die Menschen müssten uns dafür loben, dass wir es waren, die maßgeblich den Mindestlohn erkämpft haben. Sie müssten sagen, jetzt machen wir an dem Punkt weiter, wir treten in die Gewerkschaft ein. Aber das sehe ich nur wenig.

"Ellen hat mit ihrem eloquenten Auftreten den Landesbezirksvorstand über Jahre geprägt und stets für einen Ausgleich der unterschiedlichen Positionen gesorgt."

Bernd Meffert, Präsidumskollege und Nachfolger als Landesbezirksvorstandsvorsitzender

Wenn ich nach innen schaue, in die Gewerkschaft, dann gibt es diese Erfolge, wie den Mindestlohn oder auch jetzt in Hessen die Allgemeinverbindlichkeit im privaten Sicherheitsgewerbe. Wir sind zäh und bleiben dran, das sieht man an solchen Kämpfen wie bei Amazon, wo wir einen extrem langen Atem brauchen. Das alles kostet aber Kraft. Weil wir so enorm viel Kraft in den Betrieben brauchen, habe ich es nicht gern gesehen, als innerhalb der Organisation immer wieder begonnen wurde, über Strukturen zu sprechen. Ich bin seit über 40 Jahren ehrenamtlich in der Gewerkschaft aktiv, komme von der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft und habe den ganzen Prozess der ver.di Gründung mitgestaltet. Jetzt wieder über Strukturen sprechen zu müssen, hat mich müde gemacht. Mein Eindruck ist, dass wir einen Großteil unserer Zeit damit verbringen und unsere Energie einsetzen, um über unsere Strukturen zu verhandeln. Würden wir diese Zeit nutzen, um Kolleg*innen zu gewinnen, wäre sie meiner Meinung nach besser investiert. Ich finde, es ist die falsche Richtung. Vor allen Neuwahlen habe ich immer überlegt, mache ich weiter oder nicht, macht es Sinn und wofür. Dieses Mal spürte ich, es ist Zeit. Ich werde dieses Jahr 60, die Gesundheit meldet sich, es ist der Zeitpunkt, ehrenamtliche Funktionen nach und nach auslaufen zu lassen. In ver.di habe ich nun nur noch sehr wenige Funktionen, bin in meiner Heimatstadt noch Stadtverordnete und Ortsvorsteherin im Stadtteil. Das ist immer noch viel ehrenamtliche Arbeit. Ich werde mich nun langsam auf die Rente vorbereiten. Auch im Betrieb sage ich den Kolleg*innen immer, ich bin nur noch wenige Jahre da, richtet euch drauf ein.“