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In eigener Sache: Ana Mesic geht nach 45 Jahren in Rente

In eigener Sache: Ana Mesic geht nach 45 Jahren in Rente

12.04.2017
45 Jahre putzte sie mit anonymem Kittel. Jetzt prangt ihr Name drauf - im Ruhestand. Corinne Badstübner/ver.di Ana Mesic - Das Abschiedsgeschenk 2  – 45 Jahre putzte sie mit anonymem Kittel. Jetzt prangt ihr Name drauf - im Ruhestand.

+++In eigener Sache++++
Ana Mesic war so lange dabei, dass wir ihr Arbeitsleben einer besonderen Würdigung für wert erachteten. Ihre Abschiedsfeier war groß und voller Tränen. Ana bedankt sich ausdrücklich an dieser Stelle für alles. Hier ist ihr Portrait. Eine kürzere Version des Textes erscheint auch auf der Hessenseite der publik 3.
Am Ende des Textes gibt es noch eine Bildergalerie.

Ein Arbeitsleben lang putzen für die Gewerkschaft
Im Frankfurter Gewerkschaftshaus sagt Ana Mesic mit 64 Jahren Tschüss

Zum Abschied haben sie ihr eine Kittelschürze geschenkt. Auf der linken Seite, kurz über Brusthöhe, ist ihr Name aufgestickt: Ana Mesic. 45 Jahre lang hat Ana im Frankfurter Gewerkschaftshaus gearbeitet. Schon allein das macht sie zu etwas Besonderem. So viel Beständigkeit in einem Berufsleben ist heutzutage selten.

Bevor es Teppiche im Gewerkschaftshaus gab, bohnerte Ana mit schwerem Gerät die Linoleumböden in den langen Fluren und den Sälen, sie stellte Tischgruppen für Sitzungen auf („parlamentarisch oder Bankett?“), später dann wischte sie, sie fegte, sie saugte, sie räumte Spülmaschinen ein und aus. Sie schaute nach, ob Klopapier fehlte, sie empfahl auch schon mal eine Fußboden-Grundreinigung. Perfektionistisch, sagen die einen über sie, pingelig sagen andere. Fakt ist, dass Ana nachwischte, wenn du Wassertropfen im Edelstahlspülbecken produziertest. Sie sagt: „Ich wollte es gut machen, ich wollte es richtig machen. Wenn ich den Raum verließ, habe ich immer nochmal hinter mich geschaut. Und meistens fiel mir was auf.“ Anas Erkennungszeichen war der orangfarbene Plastikkorb. In dem verstaute sie, was sie an Putzutensilien brauchte, während sie ihre Gänge durch die Etagen machte. Stand der orangene Korb vor einer Tür, wusstest du, Ana ist da.

....stand er vor der Küchentür, dann war Ana da. Corinne Badstübner/ver.di Ana Mesic - Das Erkennungszeichen 2  – ....stand er vor der Küchentür, dann war Ana da.

Ana hatte den Blick fürs Ganze. Gab es am Wochenende eine festliche Veranstaltung in den großen Sälen unten im Gewerkschaftshaus, dann kam Ana und machte die Garderobe. Fuhrst du in Urlaub, goss Ana deine Büropflanzen „Ich bin Reinigungskraft“, sagt sie bescheiden von sich. Wenn vor Weihnachten für sie gesammelt wurde, hieß es: „Für unsere Perle Ana“. Die Perle war auch Seelentrösterin. Im Laufe der Jahrzehnte hat Ana Mesic so manche Träne getrocknet, die hinter verschlossenen Bürotüren vergossen wurde. Ana wusste immer viel, aber sie sagte wenig. „Das habe ich mir vorgenommen. Ich wollte nie, dass die Leute sagen, sie ist eine Klatschtante“. Ana bot ihre tröstende Schulter und zog diskret weiter, ins nächste Büro.

Gerade mal jugendliche 19 Jahre alt war Ana, als sie im Gewerkschaftshaus anfing. Das war 1972. „Ich hatte im nahegelegenen Parkhotel als Zimmermädchen gearbeitet. Da kam eine Freundin und sagte, geh mal da hin. Die brauchen jemanden. Es gab keine Bewerbung, gar nix. Die Freundin hat beim Chef ein gutes Wort eingelegt, der sagte, die soll kommen und ich war eingestellt. Am nächsten Tag habe ich angefangen.“ Und sie blieb. 45 Jahre lang. Diesem ersten Chef war sie besonders verbunden. Der Kontakt zu ihm hielt, auch nachdem er in Rente ging. Selbst jetzt noch, nach seinem Tod, besucht Ana sein Grab und bringt Blumen dorthin.

Ana kam als 16-jährige vom früheren Jugoslawien nach Deutschland. Sie hatte die Schule abgebrochen und haute ab, arbeiten und Geld verdienen wollte sie. Ihre Schwester war schon in Deutschland, also folgte sie ihr. In Frankfurt, mehr als 1.000 Kilometer fern der Heimat, lernte sie dann ihren späteren Mann kennen, der aus dem Nachbardorf in Kroatien kommt – eine Geschichte, wie sie nur das wahre Leben schreiben kann. „Wir haben uns gesehen und am gleichen Abend noch ausgemacht, dass wir heiraten. Sechs Wochen später waren wir ein Ehepaar.“ Schnell kam der erste Sohn. Da beide Ehepartner Vollzeit arbeiteten und ihr Geld nach Hause schickten, war es klar, dass Ana nicht weniger Stunden arbeiten konnte. Also brachten sie den Kleinen zur Oma nach Kroatien.

Dort blieb er drei Jahre. Er glaubte, dass die Oma seine Mama sei. Als Ana ihn wieder zu sich holen wollte, weinte er und wollte nicht mit. Das treibt Ana noch heute Tränen in die Augen. „Was sollte ich denn machen? Es ging nicht anders. Ich bin selbst bei meiner Oma aufgewachsen, das war bei uns eben so.“ Als der Kleine dann in Deutschland war, wurde ihr Mann eingezogen, musste zum Militär nach Jugoslawien. Jetzt war erst recht nicht an einen Halbtagsjob zu denken. Also brachte sie den Jungen morgens mit ins Gewerkschaftshaus, dann in eine benachbarte Kita. Nachmittags musste er sich selbst beschäftigen, denn Ana ging noch weiter putzen – privat, wie man damals sagte. Harte Zeiten, an die sie sich nicht gern erinnert. „Die Frauen von heute können das gar nicht verstehen, was wir alles gemacht haben“, meint Ana nachdenklich. Sie bekam noch einen weiteren Sohn, die Familie baute ein Haus in der Heimat. Bescheidener Wohlstand, hart erarbeitet. Ein Leben für die Familie. Ein Arbeitsleben lang putzen für die Gewerkschaft. Wenn sie zurückblickt, dann bereut sie eigentlich nur eins: „Dass ich keine Ausbildung gemacht habe. Ein, zwei Mal hatte ich die Möglichkeit. Aber Geld verdienen und nach Hause schicken war wichtiger.“ Trotzdem: Ana hat ihre Arbeit mit Liebe gemacht: „Das hat mich erfüllt. Ich wollte, dass die Menschen zufrieden sind, nicht nur dass ich meinen Lohn erhalte.“

Text: Ute Fritzel
Fotos: Corinne Badstübner

Ana stützt ihre Hände auf, schaut in die Kamera. So! Fertig! Corinne Badstübner/ver.di Ana Mesic - in Aktion 6  – So - Fertig!