Sommertouren Jürgen Bothner

Station 2: Bodenverkehrsdienste am Frankfurter Flughafen

Station 2: Bodenverkehrsdienste am Frankfurter Flughafen

Jürgen Bothner in Arbeitskleidung steht auf und verschnauft. Alfredo Zappala Am Flughafen: bei den Bodenverkehrsdiensten  – Bothner verschnauft kurz beim Aufstellen.

Die Bodenverkehrsdienste an den europäischen und speziell an den deutschen Flughäfen stehen seit Jahren unter Druck: Privatisierung, Kostendruck durch politisch erzwungene Konkurrenz auf dem Vorfeld, immer wieder neue Pläne für noch mehr Liberalisierung, das heißt noch mehr Wettbewerb, um noch mehr Geld einzusparen. Bei seinem zweiten Besuch während der Sommertour 2016 wollte Jürgen Bothner es ganz genau wissen und arbeitete eine Schicht lang beim Koffer schleppen auf dem Vorfeld mit. Eingeteilt wurde der ver.di Landesbezirksleiter in eine Frühschicht, Beginn 6.00 Uhr. Hier sein Erfahrungsbericht:  

 

„Es war körperlich anstrengend. Ich spüre meinen Rücken, weil es eine ungewohnte Tätigkeit ist und ich bin müde - geschafft. 5 Uhr ist ganz und gar nicht meine normale Aufstehzeit.

Du musst ausgeruht sein, um die Arbeit hinzubekommen. Brauchst deine ganze Kraft. Für jemanden wie mich, der Schreibtischtätigkeit gewohnt ist, ist so eine heftige, schwere Arbeit was ganz anderes. Über Tag kam ich an Stellen, wo es technische Unterstützung gibt, um die Koffer zu bewegen, das war schon eine Riesenentlastung für den Körper und für das Kreuz.

Jürgen Bothner beim Koffer schleppen. Alfredo Zappala Am Flughafen: Koffer schleppen  – Koffer be- und entladen.

In der Schicht habe ich einige hundert Koffer in der Hand gehabt. Man sieht es dem Koffer nicht an, was er wiegt. Da waren ganz leichte dabei, wo man sich fragt, was macht denn eigentlich ein solcher Koffer hier und dann waren auch richtig schwere dabei. Bei einigen stand drauf heavy, das hat man nicht sofort gesehen, dafür aber gleich gespürt, dass da ‘ne schwere Last drin ist.

Wir haben Container von ankommenden Flugzeugen ausgeladen. Wenn du so einen Container ausräumst, dann sind die Koffer anfangs noch auf Kopfhöhe und dann wird der Container so nach und nach abgearbeitet und irgendwann bist du dann auf dem Boden des Containers angelangt und der ist dann auf Kniehöhe. Dann geht es im Bücken weiter. Vieles läuft in gebückter Haltung.

 

Jürgen Bothner in Arbeitskleidung Bodenverkehrsdienste hebt einen Koffer an. Alfredo Zappala Am Flughafen: Frühschicht  – Jürgen Bothner arbeitet eine ganze Schicht bei den Bodenverkehrsdiensten mit

Beim Ausladen arbeitet man in Teams von mindestens zwei Kollegen, es können aber auch mehr sein, je nachdem an welcher Stelle du eingesetzt bist. Einen Container ausladen können maximal zwei Personen. Wenn an mehreren Containern gleichzeitig gearbeitet wird, müssen die Koffer der hinteren Container mit genügend Abstand zueinander auf dem Band landen, damit die des ersten Containers auch noch Platz auf dem Band finden. Ansonsten kannst du nichts mehr draufpacken.

Es ist keine dauernde körperliche Belastung, eher stoßweise und dann aber heftig. Wie die Flieger eben reinkommen aus den unterschiedlichen Richtungen ist es manchmal sehr hektisch und sehr arbeitsam. Dann hat man auch einen Bandwechsel beziehungsweise eine kurze Verschnaufpause. Man weiß ja auch nie, wieviel Gepäck so ein Flugzeug mitbringt, das können 2, 3, 4 das können aber auch 7 Container sein, je nachdem wieviel Passagiere an Bord sind und wieviel Gepäck die dabeihaben.

 

Bothner hievt eine Reisetasche auf ein Förderband. Alfredo Zappala Am Flughafen: voller Krafteinsatz  – Und rauf mit der Reisetasche auf das Band.

Das Schlimme an der Arbeit ist weniger, dass du die Koffer heben, bewegen und mit den Rädern nach hinten aufs Band legen musst, sondern dass die Koffer in ihren Containern so ineinander verkeilt sind. Du kannst die erst mal nur mit Kraft rausziehen, bevor du sie weiter bewegst auf das Band. Das war mit so das Schwerste, aber mit entsprechender technischer Unterstützung einer Saugapparatur geht es dann. Man braucht mehr Zeit, um die Koffer mit diese Technik zu bewegen, auch da geht ohne körperlichen Einsatz gar nichts. Bis der Sauger mal greift und die Koffer anzieht, müssen einige schon per Hand und Muskelkraft bewegt werden.

Ich muss sagen, das ist eine Tätigkeit, die ich nicht jeden Tag über mehrere Jahre hinweg machen wollte. Also sehr großen Respekt vor den Männern, die dafür sorgen, dass unsereins mit Gepäck am Urlaubsort ankommt und dass wir unser Gepäck auch wieder am richtigen Band zurückbekommen. So einen Einblick hinter die Kulissen zu bekommen, das war eine tolle Erfahrung. Danke an die Kollegen, die das möglich gemacht und mich so freundlich aufgenommen haben!“

„Die Anstregungen der Vergangenheit, also Lohnverzicht, haben nicht ausgereicht, das Geschäftsfeld Bodenverkehrsdienste abzusichern. Hier sollen jetzt andere Instrumente greifen. Wir werden es jedenfalls nicht zulassen, dass es weitere Einschnitte beim Gehalt und bei den Sozialleistungen der Kollegen gibt."

Claudia Amier, Betriebsratsvorsitzende Fraport
Die Betriebsratsvorsitzende von Fraport, Claudia Amier, im Profil. Ute Fritzel Fraports Betriebsratsvorsitzende Claudia Amier  – Claudia Amier

Nach Schichtende traf Jürgen Bothner sich dann mit der Betriebsratsspitze von Fraport. Hier die Zusammenfassung des Gesprächs:

"Die Bodenverkehrsdienste müssen bei Fraport bleiben“

Der Betriebsrat von Fraport ist besorgt, was die Bodenverkehrsdienste BVD angeht. Denn ihre Zukunft ist ungewiss. Auf Druck der Airlines wurde die Be- und Entladung der Flugzeuge liberalisert. Bis zu zwei Anbieter von Bodenverkehrsdiensten darf es am Flughafen Frankfurt geben. In Frankfurt sind das der Drittanbieter Acciona und Fraport selbst. Die Lizenz zur Abfertigung des Drittanbieters wird zurzeit neu ausgeschrieben. Die Firma WISAG interessiert sich auch für diesen Service. Fraport bezeichnet die BVD auf ihrer Homepage als „personalstärksten Bereich“ am Frankfurter Flughafen. Hier arbeiten vorwiegend Männer aus über 60 Nationen. Bis Ende 2018 regelt am Frankfurter Flughafen der Zukunftsvertrag, dass es keine betriebsbedingten Kündigungen gibt. Dafür haben die BVD-Beschäftigten Einschnitte in die tariflichen Leistungen und die Streichung von übertariflichen Leistungen hinnehmen müssen. Arbeitsplatzsicherheit gegen weniger Geld – das wird nicht positiv gesehen. Claudia Amier selbstkritisch: „Die Anstregungen der Vergangenheit, also Lohnverzicht, haben nicht ausgereicht, das Geschäftsfeld Bodenverkehrsdienste abzusichern. Hier sollen jetzt andere Instrumente greifen. Wir werden es jedenfalls nicht zulassen, dass es weitere Einschnitte beim Gehalt und bei den Sozialleistungen der Kollegen gibt. Kein Griff in die Tasche der Beschäftigten. Qualität hat ihren Preis!“

Von ver.di erwartet der Fraport-Betriebsrat Unterstützung im Kampf gegen die weitere Liberalisierung der Bodenverkehrsdienste und beim bundesweiten Branchentarifvertrag Bodenverkehrsdienste. Er soll die Bezahlung  und die Rahmenbedingungen bundesweit vereinheitlichen. ver.di hat dazu eine Kampagne gestartet.