Landesbezirk Hessen

Wann der Chef handeln muss

Wann der Chef handeln muss

Von Kevin Lenk

Wenn das Büro zum Backofen wird, muss der Chef seine Mitarbeiter nicht grillen – die werden von ganz alleine gar. Oder frustriert, denn unter Rekordtemperaturen leiden Motivation, Produktivität und Gesundheit der Mitarbeiter. Die kalte Dusche muss bis nach der Arbeit warten, denn es besteht kein rechtlicher Anspruch auf Hitzefrei für Arbeitnehmer.

„Das Bürgerliche Gesetzbuch schreibt in Paragraph 618a Absatz 1 lediglich vor, der Arbeitgeber habe Räume und Arbeitsgerät so einzurichten, dass den Mitarbeitern gemäß der jeweiligen Arbeit keine Gefahr für Leben und Gesundheit droht“, erklärt Peter Klenter, Landesrechtsschutzleiter der ver.di Hessen. Diese abstrakte Formulierung wird von der Arbeitsstättenverordnung konkretisiert, die festlegt, dass am Arbeitsplatz eine „gesundheitlich zuträgliche Raumtemperatur“ herrschen müsse.

In der Technischen Arbeitsstätten-Richtlinie heißt es schließlich: Die Lufttemperatur in den Arbeitsräumen soll den Wert von 26 Grad Celsius nicht überschreiten. Sollte es draußen wärmer sein, darf es aber auch im Büro heißer zu gehen. Die Richtlinie garantiert den Beschäftigten keinen Rechtsanspruch auf Abkühlung. Hier wird lediglich empfohlen, der Hitze mit Jalousien und Ventilatoren Abhilfe zu schaffen. Nur wenn die Temperatur im Laufe des Tages über die 30 Grad-Marke klettert, muss der Chef Maßnahmen ergreifen. Hier ist Kreativität gefragt: Mobile Kühlgeräte, Eis für alle in der Mittagspause oder ein lockerer Dresscode können helfen.

Nicht mehr zum Arbeiten geeignet ist ein Büro ab einer Temperatur von 35 Grad. Sollte der Chef das anders sehen, kann die Arbeit mit Verweis auf die Arbeitsstättenverordnung verweigert werden. „Doch Vorsicht: Sobald die Temperatur am Nachmittag wieder fällt, heißt es: zurück an die Arbeit!“, betont Landesrechtsschutzleiter Klenter. Von diesen Regelungen ausgenommen sind Arbeitnehmer, für die Hitze gesundheitlich riskant ist: Schwangere und stillende Mütter dürfen auf erträgliche Temperaturen im Büro bestehen und die Versetzung in kühlere Räume oder gar Freistellung inklusive Mutterschutzlohn fordern. Dasselbe gilt für Menschen mit chronischen Krankheiten. In diesem Fall sollte ein Attest vom Arzt vorliegen.

Hauptverursacher von Hitze ist Sonneneinstrahlung. Doch nicht nur die Temperaturen werden zum Problem: UV-Einstrahlung ist im Sommer besonders aggressiv und steigert das Hautkrebsrisiko. Daher schreibt die Arbeitsstätten-Richtlinie vor, dass an Fenstern, Oberlichtern oder Glaswänden Jalousien oder Markisen angebracht sein müssen. Dies kann der Arbeitgeber vom Vermieter des Gebäudes einfordern. Doch es gibt noch Schutzlosere: Menschen in Außenberufen, etwa Bauarbeiter oder Mitarbeiter der Grünflächenämter, sind der sengenden Sonne ausgeliefert. Diese Arbeitnehmer werden besonders geschützt, erklärt Landesrechtsschutzleiter Klenter: „Der Arbeitgeber muss für Schutz vor direkter Sonneneinstrahlung sorgen.“ Sonnenbrillen oder Schirmmützen können helfen. Sonnencreme und Trinkwasser sollten bereitgestellt werden. Auch ein Sonnensegel kann Milderung verschaffen. Werden erlaubte Ozonwerte überschritten oder ist Sommersmog gemeldet, müssen Firmen den Empfehlungen der Behörden folgen, die im Zweifelsfall schwere Arbeiten, etwa im Straßenbau, verbieten dürfen.

In der Regel gilt: Frustrierte Mitarbeiter sind schlecht für das Geschäft. Das weiß auch der Chef. Viele Firmen treffen Sonderregelungen, lockern den Dresscode, stellen Ventilatoren bereit, drosseln das Arbeitstempo oder arbeiten sowieso in klimatisierten Räumen. Den unerbittlichen Hitzewellen im Sommer kann sich niemand entziehen. Trotzdem ist Rücksprache geboten: Ist es okay für meinen Chef, wenn ich mit Badelatschen und kurzer Hose an der Arbeit auftauche? Besser als auf Konfrontationskurs zu gehen, ist nachfragen. Viele Arbeitgeber ziehen beim Thema Hitze mit dem Betriebsrat an einem Strang. Es lohnt also, sich mit kühlem Kopf an diesen zu wenden. Dann landet nichts auf dem Grill außer Steak und Wurst in der Mittagspause.